Dorffest in Woosten

Am Wochenende wurde das Dorffest in Woosten gefeiert. Schon am Freitag begann es mit schöner Orgelmusik in der Kirche. Anschließend lud ein Lagerfeuer zum Verweilen und Klönen ein. Bei flotter Musik und "Flüssigem" konnte man es schon aushalten und sogar ein tolles Feuerwerk erleben.

Am Sonnabend wurde das Fest mit dem traditionellen Umzug herbstlich - bunt geschmückter Fahrzeuge eingeleitet.Sie tuckerten langsam von Wendisch Waren aus nach Woosten, reihten sich dann am Rande der Festwiese auf.

Inzwischen duftete es im Festzelt schon nach Kaffee und köstlichem Kuchen (selbstgebacken, versteht sich). Die Gäste ließen es sich gut schmecken. Die "Ausflippers" hatten ihren Auftritt und sorgten für so manch einen Lacher. Laura, 5 Jahre jung, hatte großen Mut und sang für alle einen flotten Hit - unterstützt wurde sie von zwei Freundinnen. Lied um Lied trällerten die drei - und ernteten reichlich Applaus.

Auf der Festwiese gab es für Große und Kleinere viel zu erleben.Viele Mädchen und Jungen ließen sich Hände oder Gesichter bunt bemalen. Die Hüpfburg wurde reichlich strapaziert , ist für die Lütten immer ein Anziehungspunkt.

Dosenwerfen und Geschicklichkeitsspiele bereiteten die Kindern viel Freude. Und besonders interessant waren die Aktionen der Jugenfeuerwehr, die ihr Können unter Beweis stellte.

Am Abend war zum Tanz geladen und auch die bekannten "Hupfdohlen" brachten alle zum Lachen und zum Mitmachen. Bis in die Morgenstunden wurde das Tanzbein geschwungen.

km

Foto - Carsten Barby (von den Ausflippers) heizte ordentlich ein

Erinnerungen

Fritzi, Karli und Gerdi - so hießen die drei Jungen aus Woosten. 1942 , 43... Die Väter im Krieg, die Mütter oft überfordert mit allem, die Jungen hatten mit ihren 6, 7 oder 8 Jahren Freiheit.

Sie spielten, halfen bei allem, was sie konnten, für sie war diese oft so schwere Zeit Abenteuer pur. Sie liefen zum Wald, gingen auf die Felder, sprachen plattdeutsch. Oft gingen sie zur Haselnusshecke oder auch zum See. Dort wurden "Rotaugen" geangelt. Was für ein Spaß. Und sie hatten ein altes Boot mit einem Loch an der linken Seite...

Ab 1945 war viel vorbei, man zog nach Güstrow oder in ein anders Dorf. Es war vorbei mit diesem Abenteuerleben zu dritt. Und man verlor sich aus den Augen.

Nach ganz vielen Jahren kam Gerdi - nun aber Gerhard wieder zurück, zurück zu den Wurzeln. Und überall in Woosten kamen Erinnerungen auf, Erinnerungen an die Kriegszeit, die für die Kinder von damals ein Abenteuer war... Erinnerungen an den Pferdestall des Gutes, an die Strohmieten, an die "Pasterscheune" mit dem Storchennest , die es heute nicht mehr gibt, Erinnerungen an viele Menschen, die es heute auch nicht mehr gibt – und Erinnerungen an Wege, die nun einfach so verschwunden sind und Erinnerungen an die Angelei am Wooster See.

Rotaugen, ja, und geräuchert in einer Tonne ohne Boden schmeckten sie auch noch gut. Am See erinnerte sich Gerhard an die Angelstelle und auch an den Weg am oder um den See. Noch bis vor kurzem konnte man ein langes Stück Wegs gehen, aber seit ein paar Tagen ist das wohl auch vorbei. Dicke Furchen haben nun auch diesen Weg im wahrsten Sinne des Wortes zerfurcht. Schade...

So nach und nach verschwinden hier und dort einfach so Wege um Wege. Schon lange gibt es in Woosten den Kirchsteig nicht mehr. Irgendwann war er weg...

Vorher war dieser Weg allen gut bekannt.Ob per Rad oder zu Fuß, er war schön und eine Abkürzung, in alten Karten findet man ihn... Und eines Tages war der Weg zum Lupinenwald auch weg. Auch den Weg an der Haselnusshecke gibt es nicht mehr. Dieser führte zu den Feldern der Bauern, ist auch auf Karten eingetragen...nun einfach weg. Schade.

Diese alten Landwege hatten schon Bedeutung, sie führten entweder zur Kirche, zur Schule, zu den Feldern oder zum Waldstück...Wagen um Wagen wurde von Pferden gezogen, so manch ein Kind erlernte auf diesen Wegen das Radfahren oder das Mopedfahren, so manch ein Baby wurde im Kinderwagen in die Natur geschoben, so manch ein Liebespaar ging hier eng aneinander geschmiegt spazieren... Vorbei.

Wer gehen möchte, kann das auf der festen Betonstraße...


Ich denke an das Gedicht von Eva Strittmatter


Bitte


Laßt mir das Silberfingerkraut,

Laßt mir den Hasenklee,

Laßt mir den kleinen Lerchenlaut

Den Sandweg durch die Heide

Die Kiefer und den Birkenbaum

Braucht ihr nicht manches mal auch beide

die Weltstadt und den Birkenbaum...

 

KM

Unbeweint in fremder Erde

Ich bin in dem kleinen Dorf Woosten aufgewachsen, so, wie mein Vater, mein Großvater und auch dessen Vater. Hier haben  wir unsere Wurzeln.
In der Kiche zu Woosten steht angelehnt an eine Wand eine Gedenktafel mit den Namen der Gefallenen des 1. Weltkrieges. Auf der Tafel steht auch Fritz Mußfeldt , geboren am 10.03. 1895, gefallen am 22. 03. 1918 in Villers Vaucon. Wenn wir als Kinder mit den Großeltern über alte Zeiten erzählten, fiel
auch der Name Fritz, aber dazu eben nur, er ist im 1. Weltkrieg gefallen, in Frankreich.


Immer und immer wieder hat mich die Geschichte der Familie interessiert, immer und immer wieder habe ich in alten Unterlagen von Schwerin (Archiv) und auch Ratzeburg  (Domarchiv) gestöbert, um etwas
herauszufinden. Von Fritz existieren noch Feldpostkarten aus der Kriegszeit. Sie wurden wie ein Augapfel gehütet. Er schrieb sie, dachte mit Sicherheit an die Familie in Woosten. ; er ging vermutlich 1914 mit 19 in den Krieg...kam nie wieder nach Hause.


Inzwischen war ich einige Male in Frankreich. Da wurde der Gedanke an Fritz wieder so wach. Wo liegt der Ort, an dem er gefallen ist? Komme ich dahin? Ob er wohl einen Grabstein hat? Steht der Name drauf? Und noch ganz viel mehr Fragen taten sich auf.


So habe ich über Suchmaschinen im Internet den Ort herausgefunden. Anfangs wars schwer, denn auf der Tafel steht Villers Fauron. Der war nicht auffindbar. Ich nahm Kontakt auf mit Mitgliedern der Gräberpflege und bekam von etlichen sofort die Antwort - es ist Villers Faucon. Im Französichen sieht das c ähnlich dem r aus - jedenfalls für uns. Und - man schrieb mir, dass es nur der Ort sein kann, denn genau am 22. / 23. März 1918 waren an der Somme ( Fluss ) dort große Schlachten, bei denen viele Soldaten ums Leben kamen. Als Anhang sendete man mir noch ein Bild und einen Grundriss vom Friedhof von Villers Faucon.
Ich muss da hin, das wußte ich ganz genau. Ende Februar 2012 war ich wieder in Frankreich zu Besuch - Saint Antonin Noble Val - Südfrankreich. Von hier aus ging es fast 800 km durch Frankreich nach Norden. Im Gepäck einen Stein aus Woosten und Vergissmeinnicht.
Ich habe durch diese Fahrt viel von Frankreich gesehen, sah die sich verändernden Landschaften, sah das Schild Paris.... Nach über 10 Stunden Fahrt langten wir in der Nähe von Peronne an (Somme ; Picardie ) an.
Am folgenden Tag führte  der Weg sofort nach Villers Faucon.... In mir war es ruhig, meine Gedanken waren weit...und nah...ich konnte kaum ein Wort sagen. Mit dabei das Mitgenommene aus der Heimat und auch den Plan vom Friedhof. Es dauerte nicht lange, da war der kleine Ort in Sicht. Meine Augen schauten und schauten - es war ein Schild mit dem Hinweis -   Friedhof  - zu sehen.
Ich war voller Unruhe....
Erst der Friedhof, wie man ihn in Frankreich hat - mit viel Stein und vielen Schildchen der Erinnerung - und dann sah ich die vielen weißen Grabsteine... Ohne ein Wort ging ich drauf zu. Suchend...
In Reih und Glied standen die Steine auf gepflegter Erde, mir gestutztem Rasen, ein Stein neben dem anderen....vor jedem Stein Pflanzen. Namen ohne Ende, ob deutscher Soldat, ob englischer, ob evangelisch, katholisch oder jüdischen Glaubens....oder
Und viele Gräber mit der Steinaufschrift - Ein deutscher Soldat oder Ein unbekannter deutscher Krieger.... Ich suchte und suchte, fand aber den Namen nicht, den Fritz Mußfeldt. Sicherlich ruht er hier als -  Ein deutscher Soldat - denn an dem 22. März 1918 sind dort unendlich viele Soldaten gefallen, ob Franzosen, Deutsche , Engländer....
Ich habe den mitgenommenen Stein zwischen zwei Gräber gelegt und auch die Vergißmeinnicht an die Grabsteine gestellt. Immer und immer wieder habe ich die Namen gelesen, bei den englischen
Soldaten mit Namen stand oft das Alter dabei : 22 , 23, 19....
Gedanken.
Ich war lange auf dem Friedhof, habe jeden Grabstein angesehen. Fast zum Schluß sah ich am Eingangstor des Soldatenfriedhofes eine kleine Tür. Ich öffnete diese und fand innen die Liste derer, die hier liegen und auch ein Büchlein mit Inschriften der Besucher. Hier habe ich mich eingetragen, Danke für die Pflege geschrieben und den Namen von Fritz Mußfeldt ergänzt. Neben Engländern, Australiern, Amerikanern war ich die erste Deutsche, die sich hier eingeschrieben hat. Es waren sehr bewegende Momente.
Nach dem Besuch mit so vielen Gedanken gab es in einer kleinen Gaststätte einen Kaffee. Natürlich bemerkten die Gaswirtsleute und die Gäste , wer hier zu Besuch ist. Ruck zuck kamen wir ins Gespräch und es dauerte nicht lange, da wurden wir zu einem alten Bauern - weit über 80 -  des Ortes geführt.
Michel Bleuot war sofort bereit, alles, was er wußte oder an Material gesammelt hatte, zu berichten und zu zeigen. Sein Großvater war zur Zeit des 1. Weltkrieges hier in Villers Faucon der Bürgermeister. Die Deutschen, so Michel, kamen über den Acker zu Fuß in den Ort. Man mußte ihnen Platz machen und sie verköstigen.... Als sie dann später abzogen, war kaum ein Stein auf dem anderen....
Er zeigte uns alte Bilder aus der Zeit, Landkarten und noch viel mehr. Es war eine Begegnung der besonderen Art - eine sehr freundschaftliche. Adressen wurde ausgetauscht, man umarmte sich und
versprach, in Verbindung zu bleiben... Noch einmal fuhren wir durch das Dorf, fuhren zum Friedhof .... und dann weiter nach Peronne. Hier gibt es ein Museum zum Großen Krieg, wie er in Frankreich genannt wird.
Für mich hat sich ein Kreis geschlossen. Ich war dort, wo der Bruder meines Großvaters gefallen ist - er war 23. Ich habe geweint, gebetet und ich werde mich erinnern, ich war für die Familie dort.
In fremder Erde, aber nun nicht mehr unbeweint.
km
Mein Dank gilt Herrn Gerhard Bosinski (aus Saint Antonin Noble Val) für die Unterstützung bei dieser Reise.


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